deutsche perspektiven
seit über 100 jahren.


Copyright by symlynX.


Reproduction of up to 777 bytes is authorized, provided the source is acknowledged, save where otherwise stated.

About us / Impressum


Follow us on Facebook or Twitter for new stories.

german.pages.de

Arbeitslose, vereinigt Euch!



Deutschland steuert auf die 5-Millionen-Marke der Arbeitslosigkeit zu. Viereinhalb Millionen Erwerbslose stellen schon heute, gemessen an den 36 Millionen Erwerbstätigen, rund 12 Prozent dar. Auf acht Tätige kommt ein Arbeitsloser. Die Arbeitslosen machen über zehn Prozent der 42 Millionen nicht erwerbstätigen Personen aus.

Arbeitslose gehören überwiegend zur Altersgruppe der Wahlberechtigten. Nimmt man an, dass zu jedem Arbeitslosen ein weiteres halbes, wahlberechtigtes Familienmitglied gehört, dann repräsentieren die Arbeitslosenfamilien zwischen 7 und 7,5 Millionen Wähler, von einer Gesamtzahl von 61,4 Millionen Wahlberechtigten, also rund 8,5 Prozent.

Gäbe es eine Arbeitslosen-Partei, und würden alle Arbeitslosen-Familien diese Partei wählen, so wäre sie als eine der kleineren Parteien im Bundestag vertreten und könnte ähnlichen Einfluss ausüben wie die Grünen oder die FDP.

Es gibt also fast 5 Millionen definitionsgemäss Verzweifelte, in ihrer Existenz Bedrohte, doch keine Partei, die sie exklusiv vertritt, obwohl das kleine politische Einmaleins lehrt, dass eine solche Partei Erhebliches für die Arbeitslosen erreichen könnte. Man stelle sich vor: die Arbeitslosenpartei als möglicher Koalitionspartner in der Bundesregierung, in Länderregierungen, in Gemeindeverwaltungen!

Eine Arbeitslosenpartei fände ihre Wählerbasis massgezimmert, so wie eine Landwirtepartei. Fast jeder Bauer würde eine Landwirtepartei wählen; fast jeder Arbeitslose würde seine Partei wählen, so sie nicht grobe Fehler macht.

Es gibt also erstaunlicherweise keine Arbeitslosenpartei. Gibt es denn wenigstens eine bundesweite, effektive Arbeitslosenvertretung?

Die Antwort ist wiederum überraschend: es gibt sie nicht. Es gibt einen Arbeitslosen-Verband Deutschland e.V. (ALV), der sich im wesentlichen auf die neuen Länder beschränkt. Es gibt eine Bundesarbeitsgemeinschaft der unabhängigen Erwerbsloseninitiativen, die sich auf die alten Länder konzentriert. Die BAG kann nicht in den Osten, weil dort der Verband vorherrscht, und umgekehrt. Daneben gibt es zahlreiche Gewerkschafts-Initiativen, darunter die Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen in Bielefeld und den Ver.di Bundes-Erwerbslosenausschuss. Es gibt den ehrwürdigen Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband, der sich um alles Soziale kümmert, sowie die Bundesarbeitsgruppen der Initiativen gegen Arbeitslosigkeit und Armut, und die BAG der Sozialhilfeinitiativen e.V.

Jeder und niemand befasst sich mit den Arbeitslosen. Parteien, Kirchen, Ämter, Hilfswerke, Gewerkschaften: alle fühlen sich berufen und solidarisch. Von Fortbildung zu psychologischer Familienberatung, zu Wohnungs-, Nahrungs- und Kleiderhilfe reicht die Palette.

Die BAG beklagt sich, dass für die Gewerkschaften die Arbeitslosen das fünfte Rad am Wagen seien. BAG und individuelle Initiativen der Arbeitslosenhilfe vermerken, dass die freiwillige Mitarbeit der Arbeitslosen zu wünschen übrig lässt; dass die Last der Vereinsarbeit auf wenigen alten Kämpfern ruht, dass Delegierte zu Bundesveranstaltungen zu häufig wechseln und schlecht vorbereitet seien. Der Verband beklagt sich, dass die Medienresonanz seiner Veranstaltungen unbefriedigend sei.

Kurzum, ein trauriges Bild. Wie ist es möglich, dass eines der zentralen Anliegen Deutschlands so amateurisch gehandhabt wird? Alle sprechen von dem enormen Potential, das in den Arbeitslosen ungenutzt schlummert, zumindest in Jenen, die sich aktiv mit Arbeitssuche befassen. Je grösser die Gesamtzahl der Arbeitslosen, umso höher deren durchschnittliche Qualifikation. Doch Fachkenntnis veraltet, wenn der tägliche Zugang zum aktuellen Geschehen fehlt. Traditionell git es Leute, die arbeitslos sind, weil sie unterqualifiziert sind; mehr denn je gibt ebenfalls Leute, die arbeitslos sind, weil sie überqualifiziert, ehedem überbezahlt, oder angeblich zu alt sind.

Wie ist es also möglich, dass sich unter den Millionen der Langzeit-Arbeitslosen Hochqualifizierte mit erheblicher Zeit zu ihrer Verfügung befinden, die nicht in der Lage sind, die Zersplitterung der Institutionen zu überwinden und gemeinsam eine bundesweite Vertretung aufzubauen, die effektiv für sie eintreten könnte?

Was fehlt: Führungspersönlichkeiten? Mittel? Solidarität?

Dies mutet grotesk an in einem Lande, in dem bekanntlich die Blauhamsterzüchter und die Badewannen-Yachtkapitäne bundesweit hervorragend organisiert sind, mit Präsidium, Lobbyisten, Fachzeitschrift und aufwendig gestalteter Internetseite.

Gewisse Ansätze zu besserer Arbeit für und durch die Arbeitslosen sind fraglos vorhanden. Es gibt beispielsweise beim Verband und bei der BAG Fortbildungskurse von Arbeitslosen für Arbeitslose. Aber das Grundproblem der Entlohnung ist nicht gelöst. Man neigt dazu, freiwillige, unbezahlte Arbeit von Arbeitslosen zu erwarten, weil sie als ‘Freizeit-Reiche' angesehen werden, während es sich der Einkommensschwache oder Einkommenslose am wenigsten von allen Bürgern leisten kann, seine Zeit zu verschenken.

Den Arbeitslosen wäre besser geholfen, wenn sich ein System gegenseitiger Hilfe entwickeln liesse, in dem sich Zeit und Tätigkeit sinnvoll einsetzen liessen. In armen Ländern mit Massenarbeitslosigkeit bilden sich in der Regel schnell informelle Systeme des Tauschhandels und der Schwarzarbeit heraus, die als soziales Netz fungieren, wo Staat und Gesellschaft versagen.

In einem reichen Land müssten ähnliche Strukturen geschaffen werden, die dem Entwicklungsstand des Landes entsprechen. Ein in der Vergangenheit vielerorts bewährtes Prinzip ist die Einführung von "Script" oder "Scrip", einer Währung, die den Austausch ermöglicht in einem gebietsmässig oder personell eng eingegrenzten Bereich. Script money gab es beispielsweise in amerikanischen Gemeinden während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Spielgeld ist auch eine Art von Script, allerdings ohne realen Wert. Der Ecu, die europäische Vorgängerwährung des Euro, war ein Script, also eine der Öffentlichkeit nicht zugängliche Währung, die dem Austausch unter Zentralbanken und Geldinstituten diente; eine Verrechnungseinheit gewissermassen.

Eine derartige Verrechnungseinheit, die nur für Arbeitslose gilt, könnte geschaffen werden, um den Austausch von Dienstleistungen zwischen Erwerbslosen zu ermöglichen. Solange es sich um Nachhilfe-Unterricht gegen Babysitting handelt, wird der Fiskus ein Auge zudrücken, aber sobald es sich um Karosserie ausbeulen gegen Bauplan handelt, wird der Fiskus Schwarzarbeit wittern und den Script flugs in Euro umrechnen. Damit wird der Fiskus klar zum Feind der Arbeitslosen.

Sobald man also etwas tiefer in die Materie vorstösst zeigt sich, dass die Arbeitslosen statt lauter uneigennützigen Freunden zahlreiche Feinde haben. Ein Feind ist der Fiskus, der den Aufbau einer Schattenwirtschaft als soziales Netz und Experimentierfeld für Wiedereingliederung in die offizielle Wirtschaft nach Kräften behindern wird.

Die Arbeits- und Sozialämter sind gehalten, ihren Aufwand durch Restriktionen und Prüfungen zu senken. Arbeitslosen-Initiativen werden schon mal amtlich der unerlaubten Rechtsberatung bezichtigt (Fall: Tacheles e.V., Wuppertal).

Ein weiterer Feind sind die Gewerkschaften, die ja als Lobby der "Arbeitsbesitzer" auftragsgemäss gegen die Interessen der Arbeitslosen handeln, die für sie allenfalls "ehemalige Arbeitsbesitzer" sind.

Selbst die existierenden Arbeitslosen-Vertretungen handeln gegen die Interessen ihrer Mandanten, wenn sie ihr Mandat auf "von Arbeitslosigkeit Bedrohte und andere sozial Benachteiligte" ausdehnen. Die Arbeitslosen brauchen keine sozialen Gemischtwarenläden: von denen haben sie ohnehin zu viele. Wenn man die Arbeitslosen vernachlässigen will, braucht man sie nur mit anderen Benachteiligten zusammenzuwerfen. In den Mühlen der alles gleichmachenden Wohlfahrtsindustrie werden die Arbeitslosen zwischen Obdachlosen, ledigen Müttern und Asylanten zerrieben.

Ein weiterer Feind sind die linken Idealisten, die sich der Arbeitslosen bemächtigen um ihre Vorstellungen von der fortschreitenden Substitution der Arbeit durch Monopolkapital anzubringen, von der ungleichen Besitz- und Einkommensverteilung, von der Arbeit als scheibchenweise verteilbarem Schnittkäse, und von dem Wundermittel der radikalen Arbeitszeitverkürzung.

Mit Phrasen wird von der realen Problematik der Arbeitslosigkeit abgelenkt, und werden makropolitische und makroökonomische Forderungen aufgestellt, die von selbst an der Realität zerschellen. Gleichzeitig werden in den Arbeitslosen Ressentiments und falsche Lageeinschätzungen gezüchtet, die sich nur negativ auf das Selbstgefühl und kontraproduktiv für die Wiedereingliederung auswirken können.

Doch einen potentiellen Verbündeten haben die Arbeitslosen: die politischen Parteien. Falls es den Arbeitslosen gelänge, eine eigene Partei bundesweit zu etablieren, würden grosse und kleine Parteien plötzlich das entgleitende Wählerpotential entdecken und um die Erwerbslosen buhlen. Dann wäre beispielsweise die Frage, ob eine Script-Wirtschaft steuerpflichtig ist, durchaus offen.

Dann könnte man an die Einführung eines bundesweit gleichen, gültigen Arbeitslosen-Ausweises denken, der den Träger zu verbilligtem öffentlichen Transport, freiem oder verbilligtem Eintritt in öffentlichen Einrichtungen und Veranstaltungen, und zu anderen Vorteilen berechtigt, die Schülern, Studenten, Senioren und manchen Sozialhilfempfängern gewährt werden.

Vor allem aber könnten eigene Arbeitsvermittlungs-Initiativen der Arbeitslosen ermutigt und besser gefördert werden. So gibt es beispielsweise relativ erfolgreiche Vereine arbeitsloser Ingenieure und Techniker, die sich als Berater-Pool der Industrie anbieten. Ähnliches ist denkbar für Architekten, Informatiker, Betriebswirte, Juristen, Journalisten, Übersetzer, und so fort. Eine kleine öffentliche Hilfestellung und Anerkennung könnte für manche Initiative den Erfolg bringen.

Ein schlagkräftiger, mit gesundem Menschenverstand gesteuerter, bundesweiter Verband und eventuell die Gründung einer eigenen Partei könnten helfen, die Arbeitslosen vom Makel des Abseitsstehens zu befreien. Nachdem ja kaum erwartet werden darf, dass die Gesamtzahl der Arbeitslosen mittelfristig wesentlich sinken wird, sollte neben das gesellschaftliche Ziel der Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess ein weiteres Ziel treten: die Aufwertung der Arbeitslosen zu einer normalen, selbsbewussten und selbst-organisierten Bevölkerungsgruppe, die aus einer schlechten Lage mit hohem Einsatz, Geschick und Solidarität das Beste macht. In einer wirtschaftlichen Lage, in der sich fast Jeder von zumindest zeitweiliger Arbeitslosigkeit bedroht fühlt, darf Arbeitslosigkeit kein Makel mehr sein.

Tweet this
Digg this
Flattr this
Stumble upon this
Make this delicious
Share this on Facebook



—— Heinrich von Loesch